Letzte Woche die Hiobsbotschaft: Freitag jährte sich zum zehnten Mal der Hochzeitstag von Vania und Alain, die beiden würden einen romantischen Abend in einem Hotel verbringen, und ich wäre zum ersten Mal so lange Zeit mit den drei launischen und unberechenbaren Kindern alleine. Das konnte ja was werden.. à la kaum ist die Katze aus dem Haus tanzen die Mäuse auf dem Tisch, mit dem klitzekleinen Unterschied, dass sie das hier auch ohne Rücksicht auf die Katze schon zur Genüge tun. Denkste! Grég ist ja im Grunde immer ganz lieb, hört gut auf mich und ist froh, wenn er mir etwas helfen kann – auch wenn er dabei manchmal etwas übertreibt. Lucie war das liebste Bébé der Welt, kein Geschreie, kein Geheule, keine Beschimpfungen, eben grad so, wie man sich das Kind als Au Pair wünscht! Die einzige, die mit ihrem Trotzkopf Schwierigkeiten gemacht hat, war dann Louise, die sich bis dato mir gegenüber immer gut benommen hatte, jetzt aber anscheinend auf stur schalten, alles verweigern und schön die Abwesenheit der Eltern ausnutzen musste. Also einfach Zähne zusammenbeißen und die Minuten zählen, bis das Kind müde genug ist, dass man es ohne heftigste Proteste ins Bett schicken kann. Am nächsten, meinem eigentlich freien Tag, rechnete ich etwa gegen elf Uhr morgens mit den Eltern, die aber erst gegen halb eins antanzten, was dann insgesamt vier Stunden Kinderhüten bedeutete - so viel wie im Vertrag pro „Arbeitstag“ vorgesehen sind. Danach hatte ich dann aber wirklich frei, war aber nun zu müde, um noch etwas zu unternehmen, verbrachte den Tag also in der Familie und ließ zum Ausgleich den Sonntag auch etwas ruhiger angehen.
Da die Kinder, besonders Grégoire, riesige Harry Potter Fans sind und der neue Teil ja gerade die Massen in die Kinos lockt, konnte man ihm dieses Vergnügen ja schlecht verweigern, und so war ich auch die Glückliche, die ihn ins Cinéma Rixensart begleiten durfte, in „Harry Potter et le Prince au Sang mêlé“ mit französischen und niederländischen Untertiteln, für welche Vorstellung wir einige der letzten ganz guten Sitzplätze ergattern konnten. Aufgrund der Vorkenntnisse durch das Lesen der Bücher verstand ich auch das meiste, auch wenn es für Ausländer zugegebenermaßen doch etwas schwierig ist, zumal die Franzosen ja selbstverständlich nicht die englischen Namen und Beteichnungen übernhemen können, nein, wär ja langweilig und dann wäre man nicht alterntaiv! So wird beispielsweise eben Hogwarts zu Poudlard und Severus Snape nennt sich Severus Rogue, aber irgendwie kriegt man’s dann doch raus. Einziger wirklich unschöner Nebeneffekt: Klimaanlage ist dem Kino offensichtlich ein Fremdwort, gegen Ende klebte jeder förmlich an seinem Sitz und Atmen war auch nicht mehr ganz so leicht.
Dienstag, 21. Juli, belgischer Nationalfeiertag, tolles Wetterchen gemeldet mit Sonnenschein und bis zu siebenundzwanzig Grad Celsius, Beginn des Pfadfindercamps des Ältesten in den Ardennen, etwas über eine Stunde Fahrtzeit von hier aus. Jedes Pfadfindercamp hat ein bestimmtes Motto, nach dem die Kinder sich verkleiden. Bei Grég war dies „Das antike Griechenland“ und er hatte sich für eine Verkleidung als Philosoph Diogenes, der in seinem Fass lebte, entschieden, weshalb zu Hause stundenlang an einem Pappfass gebastelt wurde, das nachher wirklich ganz wunderbar aussah. Schön war es, ein bisschen die Pfadfinder-Begrüßungszeremonien anzusehen. Nach einer schmerzlosen Verabschiedung für zehn Tage machten wir uns dann mit den zwei Mädchen auf den Weg zu einem nahen Safari-Tierpark, „Le Monde Sauvage“ in Aywailles. Das bedeutete zunächst zirka eineinhalb Stunden Schlangestehen inklusive Picknick im Auto, danach Rundfahrt durch den Park, vorbei an Elefanten, Zebras, Gnus, Krokodilen (die jedoch nicht sehr lebendig wirkten), Pfauen, Giraffen, Nilpferden und so weiter und so fort. Hieran schließt sich noch ein Spaziergang an, während welchem man noch einige Vögel, Reptilien, Affen, Bären, Wildkatzen et cetera betrachten kann, und der zu einem Spielplatz und Streichelzoo führt, in dem sich Louise regelrecht in ein malträtiertes Zicklein verliebte, was zum großen Drama beim Aufbruch führte. Half alles nicht, das Vieh konnte ja nicht mit und Louise veranstaltete ein Theater wie zum Weltuntergang, bis sie dann – kaum auf der Autobahn – einschlief.
Donnerstag stand dann wieder mein freier Tag an. Wenn man jedoch schon vom strömenden Regen geweckt wird, macht das nicht gerade Lust auf einen Ausflug nach Antwerpen, Gent oder Brüssel, sodass diese Unternehmungen auf weitere freie Tage verschoben wurden und ich mir noch ein paar Stündchen Schlaf und auch ansonsten einen erholsamen Tag zu Hause gönnte.
Nun, heute ist Freitag, etwas vor elf Uhr abends, normalerweise würde zu Hause nun die Feierei beginnen. Ist hier aber nicht drin – zum einen wegen Babysitting, zum anderen an Mangel an Begleitung und nicht zuletzt an Mangel an Möglichkeiten, da die Disco, die sich mal hier in Wavre befand, schon vor langer Zeit geschlossen wurde, und jetzt ratet mal warum: Probleme mit der Mafia, Schutzgelderpressungen, Drogen, Schießereien auf Parkplätzen und weißtenichwas. Jetzt wird hier quasi zwischen Mitternacht und ein Uhr nachts der Bordstein hochgeklappt und Schluss ist! Können die Leute gucken, wie sie sich beschäftigen. Aber Anfang August ist hier kostenloses Openair-Kino angesagt, vielleicht schaff ich’s da ja mal hin.
Morgen also wieder freier Tag, der fein mit Nicole zum Shopping am letzten Schlussverkaufswochenende genutzt wird, zunächst in Wavre und dann ziehen wir weiter nach Louvain-la-Neuve, und abends dann eventuell bisschen Filmchen schauen, mal sehen. Vania und Alain werden Louise morgen zu ihrem Pfadfindercamp mit dem Motto "Um die Welt in fünf Tagen" (frei übersetzt) fahren, wo sie dann für die nächsten fünf Tage bleiben wird, was bedeutet, dass Vania, die Kleine und ich bis Freitag, wenn Grég und Louise abgeholt werden müssen, alleine sind und hoffentlich ein paar Ausflüge unternehmen werden.
Und jetzt bin ich schon beinahe vier Wochen hier, meine Damen und Herren, nächste Woche ist bereits Halbzeit! Und im Grunde hat es sich sich jetzt richtig eingespielt: die Kinder haben sich vollständig an mich gewöhnt, das Zimmer ist wie "mein" Zimmer und abends - wie gerade jetzt - freue ich mich auf "mein" Bett. Schön war auch Vanias eindeutige Erklärung, dass ich für diese zwei Monate vollständig zur Familie gehöre. Ich fühle mich wohl hier.




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