Yeah, yeah, yeah, ein neuer Blogeintrag! Und sogar ein ganz, ganz langer!
Nachdem ich ja letzte Woche mehr oder weniger fest mit Nicole einen Ausflug nach Brüssel vereinbart hatte, stand Freitagabend dann endlich und endgültig fest: Samstagmorgen brechen wir um neun Uhr in der Früh zeitig auf in Richtung Belgiens Hauptstadt.
Vania erbot sich freundlicherweise, uns bis zum Bahnhof Ottignies zu kutschieren, sodass wir von dort bequem und ohne umzusteigen eine dreiviertel Stunde im vollen Samstags-geht’s-nach-Brüssel-Zug den Weg nach Brüssel finden konnten.
Kaum angekommen fielen, wie sollte es auch anders sein, die ersten Regentröpfchen, was und zwang, uns mit Schirm, Charme und Reiseführer (sowie der Hilfe der netten Damen in Lila des Tourismusbüros) zunächst zur Grande Place durchzuschlagen. Man könnte auch sagen, zum Grote Markt, denn in Brüssel tragen alle Straßen dem französischen auch den äquivalenten niederländischen Namen. Hier sieht man mal schön die Marginalisierung der deutschsprachigen Minderheit: Deutsch ist zwar offiziell die dritte Amtssprache neben Französisch und Niederländisch, aber weder auf den Straßenschildern der Hauptstadt noch auf den Lebensmitteln gibt’s die Angaben auf Deutsch, Schweinerei!Nunja, zurück zur Grande Place, die wohl die Touristenattraktion Brüssels ist. Hierbei handelt es sich um einen großen Platz (für die, die es auf Französisch/Niederländisch nicht verstanden haben), umgeben vom gotischen Rathaus und beeindruckenden barocken Fassaden, mit Goldapplikationen und Schnörkeln überall. Von der Grande Place führen etliche kleine Gässchen mit herrlichen Souvenirläden, Chocolaterien, Pralinengeschäften und Restaurants in alle Richtungen, unter anderem auch zum Manneken Pis, dem 61cm hohen Wahrzeichen Brüssels. Wow, echt beeindruckend, ihr lieben Belgier.Grande Place und Manneken Pis also abgehakt konnten wir jetzt getrost zum eigentlichen Ziel des Ausflugs übergehen: Einkaufen in der Rue Neuve, der Shoppingmeile Brüssels, wo sich Kleidergeschäft an Kleidergeschäft an Waffelbäcker an Elektronikgeschäft an Kleidergeschäft reiht. Da im Juli traditionell in ganz Belgien Schlussverkauf angesagt ist, reicht es eigentlich, hier nur zu erwähnen, dass sich die Shopping-Abstinenz in den letzten Wochen und Monaten zu Hause gelohnt hat, und ich irgendwie hier zum ersten Mal merke, dass mir der gute alte Sommer- und Winterschlussverkauf in Deutschland doch fehlt. Es hat irgendwie wirklich etwas, wenn die gesamte Sommerware reduziert ist, und nicht nur die Teile, denen man auf fünf Meter Distanz ansieht, dass sie während der ganzen Saison schon keiner mehr haben wollte. Also, unsere Mission: einmal durch die gesamte Rue Neuve und wieder zurück, und alles Schöne kaufen, weil’s ja umso schöner ist, wenn’s nur noch die Hälfte kostet. Etwa gegen halb sechs war die Rue Neuve bezwungen, die Füße taten weh, die Geldbeutel waren etwas leichter, dafür die Taschen umso schwerer. Also machten wir uns auf den Weg zurück zum Bahnhof, um den Heimweg anzutreten. Aber nix da. Wie die Städteliebhaber halt so sind, lässt man sich dann eben gerne noch von einem trommelnden, tanzenden, bunten, jonglierenden, animierenden, ach, einfach Spaß machenden Straßenzirkus so lange ablenken, bis es eben zur Mission Impossible wird, den Zug um 18:07 noch zu bekommen. Also einfach noch eine Stunde durch Brüssels Gässchen schlendern und im Mini-Park das Stadtgefühl genießen, bevor es dann doch wieder zurück ins ländliche Wavre und Richtung Alltag geht. Auf der Heimfahrt im Zug habe ich dann sogar noch von weitem das Atomium, zweites Wahrzeichen Brüssels gesehen, das ich mir aber in der nächsten Zeit noch mal aus der Nähe ansehen werde, aller-retour kostet ja nur fünf sechzig.Aber wer jetzt dachte, das wär’s gewesen, der irrt. Der schönste Teil folgt noch. Der zirka fünfzehn- bis zwanzigminütige Fußweg vom Bahnhof nach Hause, inklusive 10% Steigung. Der einzige Trost: es ist ganz gut für die Oberschenkel!Wenigstens stand dann beim Heimkommen schon feine Pasta vom Italiener um die Ecke (oder so) aufm Tisch. Also: guter Tag.
Am nächsten Tag, dem Sonntag, den ich übrigens nicht frei hab, weil Vania ein freier Tag am Wochenende und einer unter der Woche lieber sind, ging’s dann auf den Geburtstag von Alains Mutter, deren Besuch hier bei uns erfolgreich durch die sich im Nachhinein jedoch als falsch erwiesenen Regenprognosen erfolgreich abgewehrt werden konnte. Mit von der Partie im angrenzenden flämischen Teil Belgiens war auch die Familie von Alains Bruder, der eine Deutsche geheiratet hat und mittlerweile mit seiner Familie in Holland lebt. Wunderschön multikulturell war’s, es wurde Französisch, Deutsch und Niederländisch gesprochen, nacheinander, auf einmal und alles durcheinander. Ansonsten gab’s Champagner, soweit ganz leckeres kaltes Buffet und traumhaften Nachtisch. Danach war noch ein bisschen Spielen im Garten angesagt, bevor es gegen fünf Uhr nachmittags wieder Richtung zuhause ging. Es war also tatsächlich mal ganz schön, ein paar andere Menschen als nur meine Gastfamilie zu sehen und mich mit ihnen zu unterhalten. Die fünf sind ja wirklich super, aber ein paar mehr soziale Kontakte würden schon nicht schaden. Hoffentlich wird sich da noch etwas ergeben.
Sonst so? Das Wetter zeigt sich seit Sonntag wieder von seiner Sommerseite, schenkt man den Vorhersagen Glauben, jedoch nur noch bis morgen, was mich dazu verleitet, den (so gemeldet) schönsten Tag der Woche morgen zu einem Ausflug ins hoffentlich doch schöne Brügge im Norden zu unternehmen; immerhin hab ich ja auch jetzt den belgischen Go Pass. So schön das Wetter sich gerade gibt, so unausstehlich kann Lucie von Zeit zu Zeit, nein, die meiste Zeit, die ich mit ihr verbringe, sein. Alain und Vania meinen, sie befindet sich zurzeit in einer etwas schwierigen Phase, aber so macht Au Pair dann eher wenig Spaß, wenn die Kinder sich nicht mit Worten, sondern mit trommelfellzerreißenden Kreischattacken verständigen. Zum Glück haben die noch nicht die „Blechtrommel“ gelesen, sonst würden sie’s sicher wie Oskar auch mit Glaszersingen versuchen, und rein der Lautstärke nach sollte ihnen das nicht allzu schwer fallen. Aber einfach auf die wenigen guten Momente konzentrieren und sich daran quasi wieder ein bisschen hochziehen und ermutigen, muss ja alles gehen.
Nach dem Start in die dritte Woche und den jetzt schon, erst, oder einfach nur zwei Wochen Auslandsabenteuer hat man sich hier gut eingelebt. Man weiß, wo das Geschirr aus der Spülmaschine hingehört, man kennt den zeitlichen Tagesablauf, den Weg zum Zentrum und zurück, man versteht mittlerweile den größten Teil dessen, was einem mitgeteilt wird, kurz: Alltag und Routine sind eingekehrt. Und damit man sich trotz der kleinen kulturellen Unterschiede dennoch ganz heimisch fühlen kann, gibt sich die belgische Bürokratie allergrößte Mühe der deutschen in nichts nachzustehen: Nach dem Aufsuchen mehrerer Büros im Rathaus, der Anforderung eines Versicherungsnachweises, sechs Passfotos und was weiß ich noch alles, der Ankündigung, dass dieser Anmeldungsprozess auf der Gemeinde jetzt mehrere Monate dauern wird, der Erkenntnis, dass ich ja aber bloß zwei Monate bleiben werde, wird die ganze Furore wieder rückgängig gemacht, mit dem Vorgesetzten telefoniert, und festgestellt, dass dann ja ein Passbild reicht. Für eine Anmeldung auf der Gemeinde als TOURIST. Ja, so läuft das hier.
Bis zu den nächsten mehr oder weniger spannenden Neuigkeiten aus dem 300km entfernten Wavre!
Es grüßt,Laura.




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