Sonntag, 18. Oktober 2009

Mind the Gap.


Und zwar nicht nur zwischen Train und Platform. Wobei der Verstoß gegen dieses Urlondoner Gesetz, das sich unvermeidlich - außer durch Busfahren - durch eines jeden Londoners Alltag zieht, selbstverständlich auch fatal enden könnte. Sollte man mal die zahlreichen Mäuschen befragen, die sich tagtäglich und nachtnächtlich im ältesten und längsten U-Bahn-Netz der Welt tummeln, immer knapp auf der Schneide zwischen Gleis und Vertiefung, zwischen Leben und Tod.
Aber meine ganz persönliche, oder eben vielmehr die Gap, die ein Au Pair regelmäßig - genauer: wöchentlich - zu meistern hat, ist die zwischen zwei Arbeitswochen, zwischen Freitag und Montag, ja, unser ach-so-geliebtes Wochenende, das wir schon Sonntagabend schmerzlichst vermissen und Montagmorgen sehnsüchtigst herbeisehnen. Aber trotzdem reißt es eine Lücke in unseren organisierten Alltag. Achtundvierzig Stunden Freiheit. Achtundvierzig Stunden Einsamkeit. Achtundvierzig Stunden Abenteuer. Achtundvierzig Stunden Leben. Aber es sind und bleiben achtundvierzig Stunden, die es zu füllen gilt. Gut. Sinnvoll müssen sie gefüllt werden. Schön. Oder zumindest so, dass keine Langeweile oder gar Heimweh, unser schlimmster Feind, aufkommen. Denn das Schlimmste: Samstagmorgen aufwachen und die Erkenntnis, dass achtundvierzig Stunden Leere vor dir liegen. Was für eine Verschwendung das doch wäre - hier, in London! Also, was tun?
Natürlich zu den modernen Kommunikationsmitteln greifen, wild in die Runde facebooken und smsen, wer denn noch spontan verfügbar ist, wo man sich anschließen kann, was es zu tun gibt. Und voilà: die Großstadt enttäuscht in diesem Punkt selten. Und ebenso wenig an Möglichkeiten: freier Eintritt in Museen, am Themseufer entlangschlendern, lunchen, Kaffee trinken, Muffins essen, zu Studentenpartys gehen, im Park die letzten Sonnenstrahlen einfangen, Bus fahren, Einkaufen, Leben. Und mit tollen Menschen ist das der beste Zeitvertreib der Welt! Wenn nicht, der Notfallplan: Lesen in der Badewanne oder Facebook mit Farmville/Happy Aquarium/Café World. So weit musste es dieses Wochenende aber nicht kommen!
Diesen Samstag verschlug es Kultur-Laura dann nach ihren letzten, einzigartigen Kulturabenteuern, und zwar der Begegnung mit der ergreifenden Kunst Paul McCarthys sowie dem spontanen Genuss des Musicals "Chicago" für nur fünfundzwanzig Pfund, zum London Film Festival! Als nichtitellektuellzeitungslesende Außenseiter wartete man auf den Beginn des Films, denn man nach den Kriterien Uhrzeit und Preis ausgewählt hatte, mit dem typischen Filmfestivalpublikum auf den Anfang, der höchstoffiziell von dem Dicken im Anzug, die laut Helena immer wichtig sind, angekündgt wurde. Licht aus, zurücklehnen, sich für das Rascheln mit der Chipstüte schämen ... und der Film beginnt. Auf Dänisch. Mit englischen Untertiteln. Ein Kinderfilm. Bravo, bravo! Aber gut war er und lustig und das Fremdschämen kam nicht zu kurz.
Samstagabend im Nachtbus ein Kulturprogramm der anderen Sorte. Ladies and Gentlemen, Transport for London and Nightbus N155 to Morden proudly present... - Die Weltrekordhalterin im bösen F-Wort pro Minute! Unmöglich, nachzuzählen und den Rekord zu überprüfen, aber wer sollte ihn verdienen, wenn nicht sie, die heroische New Yorkerin, die für den gesamten Bus, ach, die gesamte Welt, aufstand gegen die rauchenden und singenden Mädchen hinten im Bus, und die Sache auf New Yorker Art und Weise regeln wollte, nämlich, mit dem Schuh zu werfen! Denn wozu haben wir denn jahrelang für ein Rauchverbot in Clubs, Pubs und öffentlichen Gebäuden gekämpft, wenn diese respektlosen Gören unser aller gutes Recht im Nachtbus mit Nichtachtung strafen und es mit Füßen treten! Entertainment pur vom Trafalgar Square bis Tooting Bec. Nur schade, dass wir da schon so müde waren und wir uns schon in Bezug auf die Heimwegfüchse Mut zusprechen mussten. Aber beim Aussteigen wurden unsere Tapferkeit sowie das Überstehen der Busfahrt ohne Schuh-Kopf-Verletzung mit einem "Well done!" im lower deck honoriert.

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