Dienstag, 16. März 2010

Abwechslung.



Wie ihr sicher – clever, wie ihr ja alle seid - schon festgestellt habt, wird London sowieso von Natur eher weniger schnell langweilig für mich. Nichtsdestotrotz bringen Besuche aus der Heimat eine ganz wunderbare Abwechslung, ist doch das Verhältnis zu Menschen, die man seit Jahren kennt, ein ganz anderes als das zu den realistisch gesehen neuen und immer noch eher frischen (dafür aber nicht weniger tollen) Freundschaften, die ich hier geschlossen habe. Mit den Leuten von zu Hause teilt man eben gemeinsame Erlebnisse und irgendwo sogar ein Stück Vergangenheit, man muss ich nicht erklären, sie kennen einen schon.
Wie schön also, dass ich gleich zwei Freunde von zu Hause hier in London wiedersehen konnte; zunächst ein tolles Wochenende mit Tikey, inklusive Borough Market, der laut Wikipedia sogar einer der größten Essensmärkte der Welt sein soll. Groß ist er wirklich, sodass wir zuerst die Hälfte der Gruppe nicht finden konnten, da sich die Angabe „Wir stehen beim Käse!“ bei mehreren Käse-Abteilungen als nicht so präzise herausstellte. Das Chorizo-Brötchen (ui, bin ich hochdeutsch) zum Lunch war wirklich äääääußerst lecker und der Probierbrotdiebstahl äääääußerst gefährlich, ein wirklich schöner Tag. Umso schöner, dass die Besuche immer das schöne Wetter mitbringen. Selbst als Londoner auf Zeit weiß man jeden noch so winzigen Sonnenstrahl nach dem grauen Regenwinter zu schätzen.
Kaum vom einen Besuch wieder erholt und akklimatisiert stand der nächste vor der Tür, und das Wochenende war fabulös! Teuer und fabulös. Die Programmpunkte waren Oxford Street, Hampton Court Palace (das Schloss von Henry VIII., dem mit den vielen Ehefrauen, was wirklich ganz interessant war, und, weil meine Gastmutter eine Familienjahreskarte besitzt, sogar umsonst), Camden Town und Market mit „Döner zum Nachtisch“, sowie Shoreditch / Spitalfields / Brick Lane und Pizza-Picknick in meinem Zimmer. Weil Laura so schön lange da war, konnte alles wunderbar entspannt erledigt werden, keine Hetze, Ausschlafen, purer Luxus. Selbstverständlich haben wir auch einen kleinen Abstecher ins Londoner Nachtleben gewagt, im 93 Feet East in Ostlondon. Mensch, das war gut! Tolle Musik, lustige Leute, Bands, Stimmung, ein streitsüchtiger und aggressiver Kleinwüchsiger. Einziger Kritikpunkt: um 1 geht das Licht an. Aber sonst ist der Club definitiv die Reise nach Ostlondon wert. Also: ein ganz tolles verlängertes und unvergessliches Wochenende mit Lauri ♥
Jetzt muss ich gestehen: der Seniorenbankräuber, der seiner Zeit dreimal die gleiche Sparkasse beglückte, bekommt in der Ranglist der obercoolen Kriminellen Konkurrenz. Und zwar von unserem ganz eigenen Serienessensdieb. Da trifft man sich zum Au-Pair Coffee & Gossip im Café um die Ecke, gönnt sich mal wieder nen Chai Latte… als… ein fünfzig bis sechzig Jahre alter Mann das Café betritt, sich eine Zeitung schnappt und sich der Schlange am Tresen anschließt. Er greift ein Sandwich, muss plötzlich ans Handy, zieht sich zurück, lässt elegant das Sandwich unter der Zeitung verschwinden und verlässt das Café. „Hat der wirklich gerade in Sandwich gestohlen?“, fragten wir uns. Ja, hatte er. Wenige Minuten später ist er sogar wieder zurück, wohlgemerkt immer noch die Reste des Sandwichs am kauen. Er stellt sich wieder an und das diesmalige Objekt der Begierde sind zwei Packungen Chips. Ja, zwei! Wieder derselbe Trick, das Telefon muss beantwortet werden, dabei verschwindet wieder eine Tüte Chips hinter der Zeitung, die andere öffnet er schon mal. Wieder verlässt er das Café. Damit ist es aber nicht getan, er ist wohl immer noch hungrig und kommt in regelmäßigen Zeitabständen zurück, um zu sehen, wie lange die Schlange und wie schwierig somit ein erneuter Diebstahl wäre. Nach einiger Zeit ist die Gelegenheit günstig und es gibt zum Nachtisch Schokolade. Als er nun das Café verließ, war es wohl für diesen Tag endgültig, aber wenigstens hat er uns die Freude gemacht, danach sogar noch mit einem Muffin aus dem Café nebenan am Fenster vorbeizulaufen. Wenn das keine großartige Unterhaltung war!
Letzten Samstag haben wir es auch endlich geschafft, uns mal aus London raus zu bewegen. Auf ging es nach Oxford, in die berühmte Studentenstadt sechzig bis neunzig Minuten von London entfernt. Schön sieht es da aus, mit all den historischen Colleges, die größtenteils schon im späten Mittelalter erbaut wurden und unter anderem als Kulisse für Harry Potter oder den Goldenen Kompass dienten. In den Colleges herrscht eine wirklich elitäre Atmosphäre, ganz einzigartig und schwer zu beschreiben. Eine wirkliche Ehre, dort studieren zu dürfen! Und obwohl vor den stillen Killern, den Fahrradfahrern, gewarnt, wären wir doch fast einem zum Opfer gefallen, aber dank der böse gebrüllten Warnung „Chicks! Watch where you’re going! This is a road!“ haben wir diese bedrohliche Situation doch überlebt. Lustig war, dass, an dem Tag, als wir da waren, das Semester zu Ende war und somit ein Großteil der Studenten von Mami und Papi abgeholt wurde. Ein wahres Vergnügen, mit anzusehen, wie verzweifelt versuch wurde, sämtlichen Kram in die Autos zu stopfen, und dabei auch ja keinen Zentimeter zu vergeuden! Fast hatte das ganze eine Packen-fürs-Festival-Atmosphäre.
Letzten Sonntag wurde schon mal St. Patrick’s Day, der irische Nationalfeiertag, der eigentlich morgen erst stattfindet, vorgefeiert, mit Parade vom Hyde Park zum Trafalgar Square und Festival mit Bühne und irischen Künstlern auf Letzterem. Nunja, es war lustig und ein schöner Zeitvertrieb für eine gewisse Zeit, dann wird’s ein bisschen langweilig, den Iren beim Betrinken mit Guinness zuzuschauen. Kein Vorurteil, war wirklich so. Und Grün war die Farbe und das Kleeblatt das Symbol des Tages! Zum Abschluss wurde auch die sonntägliche Kinotradition wieder aufgegriffen, und, was haben wir uns wohl angeschaut? Richtig, Alice in Wonderland! Ich will nicht sagen, dass der Film nicht gut war, aber irgendwie hat doch das Tüpfelchen auf dem I noch gefehlt, das, was den Film wirklich zum absoluten Highlight gemacht hätte. Oder die Erwartungen waren doch etwas zu hoch.
Mittlerweile ist auch mein kleiner Laufunfall schon auf dem Wege der Heilung. Er verdient wirklich Erwähnung, denn das Bild soll euch ja nicht vorenthalten bleiben: Ich hatte den mutigen Entschluss gefasst, im Sonnenwetter laufen zu gehen, und bis zum Parkrand hab ich es auch geschafft. Nur dort wars im Park noch so matschig, also bin ich erstmal auf dem Mini-Bürgersteig geblieben, wo ich dann einer Laterne ausweichen musste. Damit war er aber nicht getan, es folgten verschiedene Holzpfosten und beim Versuch des Ausweichens bin ich an der Bordsteinkante abgerutscht und PENG – hingefallen und zusätzlich mit dem Ohr an den Pfosten, also aufgeschürftes Knie und blaues Ohr. In der Rush-Hour, direkt an der Bushaltestelle, während Verkehrsstau. Prima, Laura! Aber wie gesagt, bis auf Knien geht wieder alles!
In den letzten Tagen hat die Sonne sogar Verstärkung bekommen, die nennt sich Wärme. Endlich ein Stückchen Frühling, endlich mit Sommerjacke und Sonnenbrille gewappnet durch den Park, wo die Krokusse blühen. So mag ich mein London. Und der sechzig Pfund pro Flasche teure Wein letzten Freitag war auch gut. Haha, eine tolle Gastfamilie hab ich.

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