Wie wahr, wie wahr, lieber Peter. Und das seit jetzt fast drei Wochen.
Drei Wochen, in denen ich mich kaum gemeldet habe. Drei Wochen, in denen ich mit Ankommen beschäftigt war. Drei Wochen, in denen ich London nicht mehr als Tourist, sondern als Einwohner auf Zeit gegenüberstehe. Drei Wochen, die ich mit fremden Menschen verbracht habe. Drei Wochen Abenteuer Großstadt. Drei Wochen London. Ja, erst drei Wochen.
„Und, wie ist’s?“ fragt ihr mich. Und ich sage „Gut, alles bestens.“ Und das ist es wohl auch. Am ersten September erwarteten Jane, Gabriel und Lara am Flughafen London Heathrow ihr neues Au Pair aus Deutschland. Und das kam dann auch - nach Abtasten und Durchsuchen der Tasche am Frankfurter Flughafen, sowie verspätetem Start und starker Winde über London - insgesamt eine Stunde später als geplant endlich aus dem Sicherheitsbereich. Geschafft. Ich war in London angekommen.
Beim Einsteigen ins Auto die erste Hürde: „This side! Because you’re not driving!“ Achja, hallo Linksverkehr! Von jetzt an also beim Überqueren der Straße immer erst nach rechts schauen und am besten nicht mit dem Fahrrad Geisterfahrer spielen… War auch ein tolles Datum, das ich mir da für die Ankunft ausgesucht hatte: Erster September – Hitler fällt in Polen ein. Ganz groß im Radio. „I’m laughing! They are talking about Hitler invading Poland .. And this is the day you’re coming to London . So it’s like an invasion.” Welcome to British humour.
Und dann: das neue Zuhause. Schöne Straße, schönes Haus. Und mein Zimmer im allerallerobersten Stockwerk ist auch wunderschön, sodass es leicht fällt, sich hier wohlzufühlen. Nur das eigentliche Viertel braucht wohl noch etwas Gewöhnung oder wird mir nie ganz sympathisch werden, denn es handelt sich um eine indische, doch eher ärmere Gegend, in der ich aber nicht direkt wohne, sondern am Rand.
In den vergangenen drei Wochen habe ich auch meine Gastfamilie erst einmal kennenlernen müssen. Simon und Jane sind stets freundlich, bedanken sich für jede Arbeit, die ich ihnen abnehme, erkundigen sich nach mir, meinen Interessen, meiner Herkunft – ich fühle mich willkommen. Gabriel und Lara sind liebe, englische Kinder, nicht zu sehr verwöhnt, relativ selbstständig und zu mir auch immer lieb und nett. Bei Lara wurde aus „Laura“ schon nach wenigen Tagen „Lauri“ – wunderbar! Womit ich noch etwas zu kämpfen habe, ist der „being part of the family“-Teil des Au-Pair-Daseins in London. Natürlich gehörst du zur Familie. Aber wenn du deine freien Tage bzw. einfach deine freie Zeit hast – ja, dann hast du frei und machst dein eigenes Ding. Was ja gut ist. Aber gerade am Anfang sehnt man sich doch nach etwas Anschluss, nach Beschäftigung jenseits der fünf Stunden Arbeit pro Tag, nach Nähe, nach Familie.
Deshalb muss ich auch zum ersten Mal mit Heimweh kämpfen. Das kenne ich nicht. Aus dem immer präsenten Fernweh wird in der Ferne, auf die man sich so gefreut hat, plötzlich Heimweh. Die aufregende, pulsierende Großstadt wird zur anonymen und oberflächlichen Weltstadt, in der man trotz siebeneinhalb Millionen Einwohnern keine Menschen kennt, die einem wirklich etwas bedeuten und denen man selbst etwas bedeutet, noch nicht. Denn es wird besser, natürlich wird es das. Denn man schließt Bekanntschaften, und so frustrierend es auch ist, immer wieder Menschen zu treffen, die nicht wirklich zu einem zu passen scheinen, umso schöner ist es doch, wenn man Menschen trifft, bei denen man gleich bemerkt, dass es stimmt, bei denen zwei Stunden so schnell wie eine halbe vergehen, mit denen man Interessen und Geschmäcker teilt, die zu Freunden werden können. Und da ist es es doch auch irgendwo wert, zwischendurch ein paar Fehlgriffe zu machen. Sympathie kann man nicht erzwingen, aber es gibt sie wohl doch noch oft genug. Ich habe also wirklich schon Mädchen getroffen, die – wie ich das jetzt sehe – in den folgenden neuneinhalb Monaten noch zu wirklichen Freundinnen werden können. Und darauf freue ich mich.
Dann wird es auch leichter, die enorme Masse an freier Zeit zu bewältigen, der ich mich hier wieder gegenüber sehe. Einen Teil kann ich mit dem besten und qualitativsten Sprachkurs der ganzen Welt und den dortigen weltbewegenden Diskussion über Nudity & Nudism kompensieren, aber einfach mal mit lieben Menschen spontan Kaffee trinken, durch den Park spazieren oder abends ein Bier trinken zu gehen, das ist doch einfach schöner. Und verdammt, ich bin in London.
Ich werde euch jetzt auch nicht mit dem Alltag, bestehend aus Bügeln, Geschirrspüler, Wäsche, Kochen und seltenem Spielen mit den Kindern langweilen, und möchte zum Abschluss noch einmal betonen, dass es mir hier gut geht. Wirklich. Ich fühle mich wohl. Und ich werde mich noch einleben und das Heimweh wird vergehen. Da bin ich ganz sicher. Und ich wollte es so.




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